| Zeittunnel
Ein geologischer Schatz von internationaler Bedeutung wurde in einem Tunnel der Sierra del Fito im Suevegebirge entdeckt. Dieses Küstengebirge liegt im östlichen Asturien zwischen den Orten Ribadesella und Lastres. Die abenteuerliche Entdeckungsgeschichte dieses in Spanien einmaligen Fundes beginnt mit dem Familienurlaub des Geologen und Paläontologen Juan Carlos Gutiérrez Marco im August des Jahres 2000.
Bei einer seiner Wanderungen beobachtet er die Vorbereitungen für den Bau eines Autobahntunnels. Der Experte erkennt sofort, dass der Tunnel durch geologisch höchst interessante Erdschichten des Paläozoikums führt und dass er die Verantwortlichen für den Tunnelbau von einer begleitenden Forschungsarbeit überzeugen muss - und es gelingt ihm.
Die Ergebnisse der geologischen Forschungsarbeiten erlangten schon bald internationale Aufmerksamkeit. Der Autobahntunnel der Sierra del Fito entpuppte sich als ein besonders bedeutsamer "Zeittunnel", durch den die Wissenschaftler bis zu 500 Millionen Jahre zurückversetzt wurden, in eine Zeit, in der das heutige Asturien vor den Küsten des Urkontinents Gondwana lag. Eine Zeit, in der sich das Leben in den Meeren des Planeten Erde erstmals in reichhaltiger Vielfalt entwickelte und neue Lebensformen insbesondere in der Nähe der Kontinente entstanden.
Gondwanaland
Die Entstehung von Gondwanaland geht zurück auf das Auseinanderbrechen des urzeitlichen Erdkontinents Pangäa in zwei Teile, die Subkontinente Gondwana und Laurasien. Dazwischen lag ein riesiges Meer, das Tethysmeer. Gondwana bezeichnet die südliche Landmasse der Erde, die nach dem Auseinanderbrechen entstand.
Die Gesteinsschichten der Sierra del Fito befanden sich vor 480 Millionen Jahren vor der Nordküste Gondwanas in der Nähe des Südpols. Die Sedimente der Erdoberfläche Gondwanas wurden in die kontinentnahen flachen Meeresregionen gespült und dort abgelagert. Diese Zeugnisse des Lebens in Gondwanaland und dem angrenzenden nördlichen Meer sind in der Sierra del Fito heute sichtbar. Gondwanas Reich offenbart sich im Suevegebirge in besonderer Weise. Die Gesteinsschichten der Sierra del Fito sind vertikal angeordnet, so dass der Tunnel auf wenigen Metern horizontaler Strecke durch Millionen von Jahren der Erdgeschichte führt.
Kleine Felsschluchten mit Gestein aus Gondwanaland finden sich am östlichen Hang des Suevegebirges bis hin zum nördlich an die Sierra anschließenden Naturdenkmal Entrepeñes y Playa de Vega. Durch die steil aufsteigenden bizarren Felswände Entrepeñes gelangt man zum breiten Sandstrand von Vega.
Link-Tipp:
Darstellung der Erdkontinente vor 400-500 Millionen Jahren des "Geological Survey of Norway"
Abenteuerliche Forschungsarbeiten
Die geologischen Untersuchungen fanden unter extremen Zeitdruck statt. Eine zeitliche Verzögerung des Tunnelbaus war ausgeschlossen. Wassereinbrüche behinderten die Arbeiten zeitweilig und der Fund von Öl im Urgestein wurde in der regionalen und nationalen Presse als neue "Ölquelle in Asturien" dargestellt. Es handelte sich jedoch um keinen nutzbaren Ölfund, sondern um eine wissenschaftlich hochinteressante Entdeckung:das entstehungsgeschichtlich älteste Öl, das jemals in Spanien gefunden wurde.
Im Juni 2001 näherten sich die Forscher hoffnungsvoll den Gesteinsschichten, die die meisten Fossilienfunde erwarten ließen. Doch der Berg schien sich zu regen. Tonnenweise stürzten die Gesteinsbrocken von der Tunneldecke herab. Um das wertvolle Material einer wissenschaftlichen Untersuchung zuführen zu können, wurden in kürzester Zeit 250 Tonnen Gestein sichergestellt. Für die spätere Analyse wurde das Material 740 Meter von dem Tunneleingang entfernt zwischengelagert. Zum Entsetzen aller beteiligten Forscher und auch der verantwortlichen Tunnelbaufirma verschwanden diese Materialien plötzlich auf mysteriöse Weise. Bis heute konnte der Verbleib dieses wissenschaftlich sehr wertvollen Gesteins nicht geklärt werden.
Auch ein glücklicher Zufall überraschte das Forschungsteam. Außerhalb der Tunnelanlage führt die Autobahn an einem steilen Berghang oberhalb des Ortes Torres entlang. Bei der Öffnung der Trasse kam es zu einem Erdrutsch. Glücklicherweise wurde dabei niemand verletzt. Bei einer Untersuchung des freigelegten Berghangs traute die Forschergruppe kaum ihren Augen. Gondwana öffnete ein weiteres Zeitfenster - eine fossilienreiche Galerie mit Erdschichten aus dem Ordovizium. In diesem Areal kam es zu weiteren einzigartigen Funden.
Das Abenteuer der Forschungsarbeiten rund um den Tunnel ist in einer 398-seitigen Buchpublikation veröffentlicht worden:Un tesoro geológico en la Autovía del Cantábrico, El Túnel Ordovícico del Fabar en Ribadesella, Asturias, Oviedo, 2003.
Fossilienfunde
Im November 2003 wurde ein Teil der Funde im Tunnel in einer viel beachteten Ausstellung erstmals der Öffentlichkeit vorgestellt. Die Ausstellung wird noch in anderen europäischen Städten zu sehen sein, bevor sie voraussichtlich im nationalen geologischen Museum in Madrid einen besonderen Platz einnehmen wird.hnt.
Gut erhaltene Fossilien von charakteristischen Arten dieser Zeitepoche und zahlreiche neue Arten und Unterarten des Ordovizium (vor 440-500 Millionen Jahre) wurden bei den bisherigen Untersuchungen des Materials aus dem Tunnel der Sierra del Fito entdeckt. Im Ordovizium entwickelte sich die Lebensvielfalt der Meeresfauna wie noch nie zuvor in der Evolutionsgeschichte der Erde. Aus Vorläufern der Wirbeltiere entstanden kieferlose Fische. Eindrucksvoll sind Riesenformen von Tintenfischen mit bis zu 5 Meter langen Gehäusen. Einige Pflanzen eroberten das Land.
Link-Tipps:
Trilobita
Ordovician
Ordovizium
Links zu den Fossilienfunden im Autobahntunnel:
Paleontologia Nautilus
Interfosil
El Túnel ORDOVÍCICO del Fabar
Bei der nur wenige Sekunden dauernden Fahrt durch den 1.500 Meter langen Autobahntunnel der asturischen Küstenautobahn (A8) zwischen Ribadesella und Lastres denkt heute kaum jemand an Gondwanaland und die ganz nahen Zeugnisse einer längst vergangenen Zeitepoche vor 500 Millionen Jahren. Ein kleines Schild vor der Einfahrt in den Tunnel erinnert an die bedeutsamen Funde aus der Zeit des Ordovizium.
Das Schild trägt die Aufschrift:"Túnel ORDOVÍCICO del Fabar"
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